Für ein paar Tage verschieben sich die Grenzen der Normalität. Wir dürfen aus unseren Tretmühlen heraus. Aus der Alltagsmelancholie entschwinden. Wir verkleiden uns als Piraten und Astronauten. Als Seemänner und Piloten. Wir laufen als Disney-Prinzessinnen, Krankenschwester und Indianer durch die Menschenmengen.

Für ein paar Tage schmieren wir uns Schminke ins Gesicht. Doch nicht um Fehler und Mäkel zu verbergen. Nein, um jemand anderes zu sein. Wir kostümieren uns. Die Seemannsmütze auf unserem Kopf. Der Säbel am Gürtel. Mit den Teufelshörnern auf der Stirn und den Engelsflügeln auf dem Rücken. Wie ein Panzer. Eine Rüstung gegen den wiederkehrenden, grauen Alltagscheiß. Wir tragen sie mit stolz. Tragen sie um die Fassade dahinter fallen lassen zu können. Für einen kurzen Augenblick, kann ich jeder sein, der ich will. Wie in Kindheitstagen, als mich Verwandte fragten, was ich doch mal werden wollen würde, wenn ich groß bin und ich Feuerwehrmann, Polizist, Pilot und Arzt sagte. Wir spielen unsere Rollen. Wie Cowboy und Indianer und reiten dabei um die Wette. Verkappte Träume, die niemals in Erfüllung gegangen sind. Wunschvorstellungen, die unvorstellbar und doch so wünschenswert sind.

Für ein paar Tage ist es egal, wer Chef ist. Ist egal wer studiert hat oder wer richtig viel verdient. Ist es egal, wer ein teures Auto fährt oder die teuersten Klamotten trägt. Ist es egal, wer sonst nicht so ganz reinpasst. Ist es egal, wer nicht so viel Glück im Leben hatte. Ist es egal, wer grade hinten rüber fallt.  Ist es egal, weil es nicht wichtig ist. Es für einen Augenblick keinen interessiert.

Doch nach ein paar Tagen ist alles vorbei. Mer sin Jeschichte. Dat Märche es vorbei. Das rote Pferd hat die Fliege abgewehrt. Das bunte Konfetti klebt unter dreckigen Schulsohlen, von Beamten und Bänkern und Managern, die wieder zu Arbeit rennen. Der Cowboy-Hut ist längst wieder im Schrank. Die Seemansmütze tief in der Kiste im Keller verstaut.

Doch nur, weil wir unsere Rüstung, unseren Panzern abgelegt haben, muss die Unbeschwertheit nicht gehen. Die Gelassenheit nicht verschwinden. Die Einstellung, dass einfach manches egal ist kann bleiben. Die Liebe gegenüber anderen auch. Auch ohne Schminke. Und ohne Kostüme. Dass wir auch im Monopoly des echten Lebens mehr Platz zum sein schaffen. Auch in unseren Alltagskostümen.

Danke Karneval. Für ein bisschen Realitätsentzug. Für eine kleine Flucht mitten in deine bunte Welt. Für all die kleine Aureblicke, jeder Daach und jede Naach.

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